Ein Abschied in den Ruhestand, der keiner ist

Fragen über Fragen an Mark Staff Brandl, unseren langjährigen Dozenten an der Schule für Gestaltung St.Gallen, der nun pensioniert wird. Aufgewachsen ist er in Chicago und seit 1988 in der Schweiz zu Hause. Seit über 40 Jahren ist Mark Staff Brandl als Künstler tätig, hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, tritt mit zahlreichen Publikationen und Ausstellungen weltweit an die Öffentlichkeit und ist mit Veröffentlichungen und Vorträgen in Englisch und Deutsch über Kunst, Literatur und Kultur präsent.

Mark, wie kamst du eigentlich zur Kunst?

Dass ich Künstler bin, wusste ich schon mit 11 Jahren. Dann habe ich dazu aber auch viele andere Dinge studiert und gelernt, unter anderem Kunstgeschichte, Kunstphilosophie, Literatur, Comics, Portrait-Malerei, Schriftmalerei, Psychologie, Metapher-Theorie (4 Universitäten, 3 Diplome, PhD Universität Zürich). Mein Vater war Schrift- und Billboardmaler, später Designer. Meine Mutter war ebenfalls künstlerisch tätig. Weil ich sehr gut in der Schule war, wollten viele, dass ich Arzt werde. Ich ging meinen Weg aber immer entschlossen. Dafür aber bin ich eher ein Leonardo als ein Expressionist! Ich bin Künstler, Kunsthistoriker und Kunstphilosoph (arbeite derzeit an einem Buch für Bloomsbury Press in London über Visuelle Metaphern, Kunstphilosophie und Gegenwartskunst), alles in einem. Mich selbst sehe ich einfach als einen intellektuellen Künstler.

Wie würdest du dein künstlerisches Wirken beschreiben?

Ich bin vor allem für meine selbst ernannte «Mongrel Art» (Mischlingskunst) bekannt: Kreuzungen zwischen Installation und sequenzieller Malerei oder Zeichnungen, die mitunter sogar Vorträge als Performances beinhalten. Unter dem Alias «Dr Great Art» biete ich seit 2016 der Öffentlichkeit Performance-Vorträge zu Themen der Kunstgeschichte an. Zwei von meinen Serien sind als «Panels» und «Covers» betitelt. Die «Panels»-Werke bestehen aus mehreren sequentiellen Gemälden, welche in direkt auf der Wand aufgetragenen Malereien integriert werden. Die «Covers»-Werke sind Gemälde mit einer hand-beschrifteten Semantischen Typographie. Alle Einflüsse von Jackson Pollock, Jacopo Tintoretto, meiner Eltern, dem Superhero-Zeichner Gene Colan und mehr verschmelzen ineinander. Philosoph Dr Cornel West beschreibt sich selbst als ein «Bluesman in the life of the mind, and a Jazzman in the world of ideas». Bei mir verstehe ich es ähnlich: Ich bin ein Bluesman des Geistes, ein Rock’n’Roller der Malerei und Philosophie und ein Comic-Zeichner der Kunstgeschichte.

Panels
Covers

Kann man Kunst erlernen, oder muss eine gewisse Begabung vorhanden sein?

Sicher kann man alles erlernen. Man soll keine Angst vor dem Begriff Kunst haben! Techniken, Handwerk, Geschichte, Theorie, Schaffensprozessen, sind lernbar. Kreativität selbst ist vielleicht weniger «unterrichtbar», aber gute Dozentinnen und Dozenten können sogar Geistesstärke oder Inspiration anregen. Studentinnen und Studenten können lernen sich handwerklich und geistig mit künstlerischen Phänomenen auseinanderzusetzen, um ihr eigenes künstlerisches Schaffen, beziehungsweise ihre Gedanken zur Kunst, Design und Kunstgeschichte zu entwickeln. Wir Dozenten und Dozentinnen helfen auch bei der grossen Frage: Was willst Du erreichen mit DEINER Kunst? Begabung und Talent helfen, aber «Drive» und Leidenschaft sind viel wichtiger.

Du hast lange Zeit Kunstgeschichte unterrichtet. Was hat dir daran Freude bereitet?

Kunstgeschichte ist spannend und wichtig. Oder sie kann so sein. Wenn ich bei Studierenden Freude, Interesse und Liebe zur Kunst und Geschichte wecken kann, empfinde ich dasselbe, und wer den Wunsch hat, noch mehr zu lernen, fördere ich gerne. Es ist spannend, Studierenden zu helfen, künstlerische Ansätze aus weit auseinanderliegenden Zeitepochen und Perioden zu lernen und mit ihnen unter der Linse ihrer eigenen Erfahrungen zu diskutieren. Daher finde ich die Vorkurse für Erwachsene und die verschiedenen HF Lehrgänge an der Schule für Gestaltung am GBS St.Gallen ausserordentlich lohnenswert. Deswegen habe ich den Kunstgeschichte Unterricht als Kunst in das «Dr Great Art» Projekt entwickelt. Also, so egozentrisch die Bezeichnung klingen mag, damit meine ich nicht, dass ich selbst «great» bin, (obwohl ich das hoffe), sondern, dass die Kunstwerke, die ich diskutiere, «great» sind. Wenn du Kunst nicht magst oder verstehst, dann hast du mich noch nicht kennengelernt.

Was war dir wichtig beim Unterrichten? Was machte für dich einen erfolgreichen Unterrichtstag aus?

Studierende zu inspirieren, Freude am Lernen zu finden und vieles in Frage zu stellen. Kunstgeschichte ist eine relevante Quelle von Analogien zu zeitgenössischem Leben und zur Gegenwarts-Kunst. Es ist wichtig, die Geschichte zu kennen, denn sie verschafft Künstlerinnen und Künstlern, anderen Kunstweltbewohnern und dem interessierten Betrachter Eigenständigkeit, «Empowerment». Kunstgeschichte befähigt alle, die Gegenwart mit den oft überraschenden Fakten der Vergangenheit zu prüfen; zu beobachten, wie und wieso sich die «offizielle» Geschichte oft geändert hat. Um temporäre Behauptungen der Allwissenheit zu relativieren; und die eigene, persönlichen, vitale, künstlerische Abstammung und Bereiche der Interessen zu entdecken. Schliesslich muss man die Geschichte kennen, um sie zu schätzen, aber auch um sie zu kritisieren und zu ändern. Kunstgeschichte ist Freundschaft und Konversation mit den Toten und den Lebenden, in Anlehnung an den Philosophen José Ortega y Gasset. Kunstgeschichte fördert Menschlichkeit und Mitgefühl, durch den Unterricht von Kulturen und Zeiten, von uns und anderen, über visuelle Artefakte von höchster Qualität. Historia est vitae magistra (Geschichte ist die Lehrmeisterin des Lebens), schrieb Cicero.

Meinst du, hat die Corona-Pandemie die Sicht auf die Welt verändert? Auch in Bezug auf die Kunst?

Markiert die weltweite Ausbreitung der Covid19-Pandemie und besonders der Lockdown eine regelrechte Zeitenwende, so wie es schon häufiger bei Epidemien in der Geschichte gewesen ist? Gute Frage. Ich harre zutiefst darauf. Es ist gut möglich, dass wir nach Ende der Pandemie weitgehend zur Normalität übergehen. Ich hoffe nicht! Mein Wunsch ist, dass die Corona-Pandemie die Sicht der Menschen auf ihr Tun verändert: Entschleunigung und menschengerechtes Leben, Essen, Arbeiten, Kreativität sowie Ökologie und Klimaschutz sollen Vorrang erhalten. Was sind die Auswirkungen auf die Kunst- und Kulturszene? Hoffentlich, dass grassierendes, spät-neoliberalistisches Karrierestreben und reine Sophisterei stark in Frage gestellt werden. Das Virus soll die Kunstszene Empathie und Selbstständigkeit lehren. Aufgeblasene Kunst-Kommerz-Events, wie die meisten Kunstmessen, sollen unwichtiger werden, bis verschwinden. Man könnte lernen, die «Kunstwelt» nicht mehr als einen Supermarkt für Elite-Produkte zu sehen und einen Anreiz für den Tourismus zu schaffen; das heisst verschiedene neue, beziehungsweise alte, Publika anstatt nur Spektakel-Besucher aufzubauen. Kunst- und Kulturschaffende haben einen kleinen Startvorteil, weil wir es uns gewöhnt sind zu improvisieren und mit weniger auszukommen. «Self-Reliance and a multiplicity of art villages», anstatt eine hegemonische Oligarchie.

Nun gehst du mit dem Ende dieses Schuljahres in den wohlverdienten Ruhestand. Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle Mark und alles, alles Gute! Wie fühlt sich diese neu gewonnene Zeit für dich an? Hast du besondere Pläne, die du uns verraten magst?

Danke! Es gab und wird bei mir nie einen «Ruhestand» geben! Ich freue mich darauf mehr tagtägliche Freiheit zu haben. Meine Karriere als Bildender Künstler, Kunsthistoriker und Kunstphilosoph ist aber immer noch sehr aktiv und wachsend. Ich habe viele neue Ideen und Pläne für die Integration dieser Bereiche in meine Welt, besonders in meinem «Dr Great Art» Performance-Vorträgen in sequenziellen Malerei-Installationen. Bereits auch habe ich einen Vertrag für ein Kunstphilosophiebuch «Visual Metaphor and Analytical Philosophy in Contemporary Art» für London’s Bloomsbury Verlag abgeschlossen. Zudem habe ich Ausstellungen und Performance-Vorträge in New York City, London, Zürich, Berlin und sogar St.Gallen, Appenzell und Trogen geplant! Folgt mir doch gerne auf Social Media und schaut an den Anlässen vorbei. Ich freue mich auf euch! www.drgreatart.com

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